Mark











ALIBI n (=E)

multi-media installation, video
2003-04


A filmed film and (two-sided) space installation - within ‘Theatermodelle’/’Theater models’, an interdisciplinary programme of the Institute of Applied Theatre Studies / Prof. Heiner Goebbels, University of Gießen, Germany, in cooperation with the Masterclass for Scenography / Prof. Erich Wonder, Academy of Fine Arts Vienna.   

Collaboration with Bernhard Herbordt

- Hessische Theatertage 2004, Stadttheater Gießen - ‘feuer + flamme’ Festival 2004, Kampnagel Hamburg - Plateaux Theaterfestival 2004 - Mousonturm Frankfurt/Main - FJT - Festival Junger Talente 2003 - Offenbach


[orig. dt.] - [engl.]

Eine Überwachungszentrale, die sich selbst überwacht - bis man, nach dem Prinzip des ‘Sichtschattens’ (also durch die Sichtabschattungen / die Verdeckungen innerhalb des eigenen Sichtfeldes) hinter, oder neben, die Wirklichkeit gelangt.


Related videos / projects
— Film Alibi n (=
)

— Der Fluchtumwegeplan



oben: 
Installation/Raumfragment Teil 1 [Überwachungszentrale/Inspizientenpult] -
Ein
Raum der gewissermaßen in der Wand versinkt...


[3-Kanal-Video + Sound, v. l. n. r.: ]
Bildschirm 1:  Live-Bild der Überwachungskamera an der Vorderseite der Installation Bildschirm 2:  Film Alibi n (=E ) [siehe unten] - Film des Modelles mit Sichtschatten Bildschirm 3:  Live-Bild der Überwachungskamera auf der Rückseite der Installation
Doch nun zur Schaffung Ihres Alibis.“ Sie öffnete die Thür zu einem versteckten Kabinet, dessen Tapete mit geometrischen Figuren und mathematischen Formeln bemalt worden war.“ Julius Stinde


Von den 27qm Oberfläche einer durchschnittlich eingerichteten Überwachungszentrale sind bei fixem Sichtfeld nur 8,5qm einsehbar. Wie sind die übrigen 18,5qm beschaffen? Könnten sie die Öffnung in einen anderen Raum frei geben – einen Raum, den es eigentlich gar nicht geben dürfte? Ein Raum, verborgen in der Falte des vorherigen, und weiter von Falte zu Falten in der Falte?

Die Kamera-Observierung eines Raumes liefert ihren Protagonisten immer schon ein Alibi. Er war niemals wirklich vor Ort.

Das Alibi ist der versuchte Beweis, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort nicht gewesen zu sein.

alibi n (= E) modelliert einen Raum aus Fragmenten, aus Rechenfehlern in seiner Rekonstruktion und Abbildung. Ein Raum, der sich seiner Kolonialisierung entzieht. Ein Raum, den es eigentlich nicht geben dürfte, ausgelegt nicht auf Anwesenheiten, sondern Abwesenheiten, ein Raum, der seine eigenen Gegebenheiten hintergeht.

Vor den Bildschirmen der Observation dieses Raumes, in den Falten und Sichtschatten der Überwachungszentrale, haben sich Spuren und Indizien von Entdeckern und Kolonisatoren, Feldforschern und Fälschern eingeschrieben. Als ein narrativ widersprüchliches Ensemble formieren diese Artefakte eine überzeitliche Figur zwischen Piri Reis (türkischer Kartograph/Navigator, der bereits 1512 eine detailgenaue Karte der Antarktis entwarf – ohne je dort gewesen zu sein, und doch ihre tatsächliche Erforschung im Jahre 1819 vorwegnehmend), Lynkeus (der Späher unter den Argonauten), Christoph Columbus, Gouverneur Leutwein oder General Tommy Franks.


Und wenn es gelingt, was thun wir?“ –
„Wir entfernen uns natürlich!“ lachte der Baron.
„Ah, so haben Sie einen geheimen Ausgang?“ –
„Natürlich!“ – „Das giebt ein Alibi.“

Karl May

- Modell im Modell als konsequente Fortschreibung der Maßstabsflucht 1:1->1:10->1:100 ins Unendliche

- "Guckkasten" mit Modell im Modell - Betrachtungsapparat mit Modell als nachgebautem Sichtfeld fortgesetzt in modellhafter Selbstabbildung des Raumes auf sich selbst; so wie das Modell des Raumes in der Installation (auf deren Rückseite) platziert ist, kommt in weiterer Folge ein Modell des Modells im Modell vor
- gedachte Fortsetzung in unendliches Detail, analog zur Selbstreferenz des Überwachungsvideos auf sich selbst als Bild-im-Bild (Selbstüberwachung der Überwachungszentrale, Videobild kommt in sich selbst vor)


oben:
Installation/Raumfragment 2  [Modell/Film-Set oder Betrachtungsapparat/”Guckkasten” -
... in entferntem räumlichen Zusammenhang woanders im Ausstellungsraum]

Rückseite des Raumes [Raumfragment 2 - Modell/Film-Set oder Betrachtungsapparat/”Guckkasten”]



DREHBUCH (Auszug)



[orig. dt.]

-1


Vorspann


1. Sequenz
00:00 - 00’ 57’’ 57 sek.
[Sequenzen aus den in einem der Bildschirme zu sehenden, möglicherweise apokryphen Überwachungsaufnahmen]











0

0. Bild


oder ein weiterer Vorspann/
zweiter Versuch eines Intros
2. Sequenz
Laufzeit 00’ 57’’ - 01’ 03’’
Dauer 7 sek.


– Blick auf Raum, in dem der Betrachter sitzt, aus dem Blickwinkel der die Überwachungszentrale überwachenden Überwachungskamera; der Zuschauer wird bei seinem Zuschauen von sich selbst überwacht, ohne es gleich zu merken; mit der kleinen Unschärfe, daß er selbst in dem Bild nicht vorkommt, wie er ebensowenig gleich bemerkt (kleine Übereinstimmungsunschärfen als Vorausdeutung auf kommende Sichtfehler im Blickfeld)
– Übergang von der anscheinend wirklichen, wahrscheinlichsten Wirklichkeit in die
Nebenwirklichkeit innerhalb des Bildschirm-es und die scheinbar deckungsgleiche Wirklichkeit des Modells, das als solches noch nicht erkennbar ist

– Zoom auf den Bildschirm, der sich und sein Bild gerade im eigenen Bild zeigt, dessen Bild Selbstbeschau und Selbstdarstellung betreibt







1

1. Bild


3. Sequenz
01’ 04’’ - 01’ 22’’   18 sek.


– beginnende Herumfälschungen an der Wirklichkeit

– gleicher Blick, unwissentlich auf den Raum als Modell, aus einem Blickwinkel deckungsgleich nachgebaut, und in den Kontext der Überwachungsaufnahmen gestellt

– Bildstörungen, und die Frage, wie ein Raum aussehen würde, wenn man diese Bildfehler auf den Raum rückanwenden/die bildlichen Verzerrungseffekte in den dreidimensionalen Raum rückprojizieren würde








2

2. Bild


4. Sequenz
01’ 23’’ - 02’    37 sek.




– Schwenk des Blicks, der Raum erscheint mit einem Mal wie nur für einen (den vorher eingenommenen) Blickwinkel gebaut, für den als einzigen er sich zu einem dem herkömmlichen Verständnis und den Sehgewohnheiten nach sinnstiftenden Bild zusammenfügt – von anderen Gesichtspunkten aus betrachtet offenbaren sich sogenannte →“Sichtschatten

– die Räume hinter den zuvor uneinsehbaren Bereichen schwenken auf und leiten den Blick über verschiedene umwegsame Sichtführungen um, während er sich der Blick beim Geworfen- und Herumgespiegeltwerden gewissermaßen selbst zuschauen kann






3

3. Bild


5. Sequenz,
02’ 00’’ - 02’ 47’’,    50 sek.


– Kamerafahrt durch den Raum, ausgerichtet an den Durchblicksmöglichkeiten durch die Sichtschatten auf eine dahintergelegene Parallelwirklichkeit, in irgendeiner Weise der wahrscheinlicheren Wirklichkeit nebengeordnet, die unter dem, sie zum Großteil einschattenden Blick und nach Weglassung der Sichtabräume fadenscheinig geworden ist

– Betrachtung eines Raumes, der gleichzeitig nach Maßgaben der Betrachtung entsteht - ein Raum, der sich nur für die eine Betrachtung zusammensetzt
– der Blick ist nicht mehr verläßlich, gibt es doch keinen anderen Blick, der diesen Raum mit seinen Sichtschatten nicht anders sähe - die Kamera nimmt dabei räumlich unmögliche Betrachterwege ein, zoomt durch raumabschließende Elemente durch, filmt Rückseiten von Dingen ab, die eine solche gar nicht haben
– Sichtschatten geben so eine Öffnung in einen Raum frei, den es eigentlich gar nicht geben dürfte

– gedankliches Modell vom ausgesandten Blick, dem man zuschauen kann, wie er (herum)geworfen wird (Teil I)




Bild 3a


6. Sequenz,
02’ 50’’ - 03’ 04’’,     15 sek.


– Porträt des Herrn Reis, Piri, hinter großem Sichtschatten

– Fiktiver Protagonist - überzeitliche Figur:
Piri Reis und die Kartographie des ‘Anderswo’,
der flanierende Entdecker, als übergeschichtliche Hauptfigur, auf seiner gedachten Expedition in andere Räume; Räumedie es eigentlich nicht geben dürfte, Neben-Räume der Wirklichkeit, lokale Verortungen eines abstrakten Alibis.





Bild 3b


7. Sequenz,
03’ 05’’ - 03’ 11’’,     7 sek.


Detail:
– die Lampe






4

4. Bild


8. Sequenz,
03’ 12’’ - 03’ 19’’,     7 sek.


– Kamerafahrt hinter den Raum, die Kamera taucht durch einen der Sichtschatten durch und ab in die dahinterliegende Nebenwirklichkeit
– in den hinter der Wirklichkeit liegenden Rückbereichen setzt ein sich unausgesetzt gemäß dem veränderlichen Gesichtspunkt abwandelndes, vielschichtig ver- und entzerrtes räumliches Nachbild ein


– Gedankenmodelle von der Verbiegung des Sichtfeldes
– und der sich gegenüberstehenden Spiegel, als gedankliche Versuchsanordnung, unendliche Verzerrung des Gespiegelten bei leichter Unebenheit der Spiegelflächen; Kurzschluß zu einer Endlosschleife








5




5. Bild


9. Sequenz,
03’ 20’’ - 03’ 22’’,     2 sek.


– schneller Schwenk hinaus auf eine scheinbare Landschaft

– Maßstabssprung, Verdrehung der Größenordnungsverhältnisse








6



6. Bild



11. Sequenz,
03’ 22’’ - 04’ 05’’,     43 sek.



– Streifen des Blicks durch die abstrakte Landschaft, möglicherweise eine Stadtlandschaft, die sich bei weitläufigeren Aufnahmen und mit der Zeit als Leiterplatten im Inneren des Bildschirmes erweist










7



7. Bild


12. Sequenz,
04’ 06’’ - (04’ 09’’,     3 sek.;
04’ 10’’ -) 04’ 14’’,     4 sek.
(Rücklauf),
danach Rücklauf bis 4’22’’


– Hereinschauen eines Ausstellungsbesuchers, der auf der Hinterseite des Raumes in diesem Moment das Modell durch die Klappe betrachtet, (oder eines überdimensionierten demiurgischen Betrachters durch einen kleinen Deckel im Modellkasten)





Rücklauf



oder
ein vorausgehender Nachspann, eines mehrerer Enden gewissermaßen
13. Sequenz, 04’ 23’’ - 04’ 26’’, 4 sek. (Rücklauf)



– Hereinschauen eines demiurgischen Betrachters durch einen auf einmal auftauchenden kleinen Deckel (am Außenrand/in der Außenwand der Welt)








Schluss


[oder Einleitung der Fortsetzung, die das Herumgehen des Zuschauers in der “wirklichen” Welt und vielleicht das Finden der Hinterseite des Raumes darstellt]
14. Sequenz,
04’ 27’’ - 04’ 34’’,     7 sek.


– der Zuschauer sieht sich selbst im Film vorkommen, von hinten durch die Bildschirmscheibe vor dem Monitor am Tisch sitzend, und sich selbst dabei zuschauend, sich an- oder seinem Blick zuzuschauen

– Gedankenmodell vom anderen Sehen des Sehens (Teil II)






Abspann




16. Sequenz,
04’ 34’’ - 04’ 47’’, ca. 14 sek. (geloopt)
→ direkter Anschluß an Anfangsbild



– Rückspulen zum Anfang, aber nicht des gleichen Filmes - nur scheinbar zum Anfang des gleichen Filmes, möglicherweise, man weiß ja nichts mehr so genau

– Selbstüberwachung der Überwachungszentrale beginnt von vorn










 
Gregor Holzinger
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